Beim Awa Odori, jeden August in Tokushima, erklingt der berühmte Ruf „Odoru aho ni miru aho, onaji aho nara odoranya son son!“: „Die Tänzer sind Narren, die Zuschauer sind Narren; wenn beide Narren sind, kann man auch gleich tanzen!“
Der Tanz der Narren: Awa Odori und sein Rhythmus
An einem Abend Mitte August ist die Luft in Tokushima, Japan, warm und vibriert. Sie ist erfüllt vom eindringlichen Zweierrhythmus der Taiko-Trommeln, vom hellen Klang der Shamisen und von den fröhlichen Rufen Tausender Stimmen.
So klingt das Awa Odori, ein großes Tanz- und Feierfest, das eine ganze Stadt zur Bühne macht. Es ist eine 400 Jahre alte Feier der Lebensfreude und hat Japan begeistert. Inzwischen wird es auch in anderen Teilen Asiens aufgeführt.
Geschichte: von der Burgfeier zum nationalen Großereignis
Die Anfänge des Awa Odori reichen bis ins Jahr 1587 zurück, in die heutige Präfektur Tokushima, die früher Provinz Awa hieß. Die bekannteste Entstehungsgeschichte führt das Fest auf Hachisuka Iemasa (öffnet in neuem Tab) zurück, den Daimyo (Feudalherrn) der Region. Zur Fertigstellung der Burg Tokushima gab er ein großes Fest und ließ Sake an die Stadtbewohner verteilen. Der Legende nach tranken die Leute und tanzten so ungehemmt und ausgelassen, dass ihre fröhlichen, ungelenken Bewegungen zur Grundlage des Tanzes wurden.
Bei dieser wilden Feier entstand auch das berühmte Motto des Fests: „Odoru aho ni miru aho, onaji aho nara odoranya son son!“, auf Deutsch: „Die Tänzer sind Narren, die Zuschauer sind Narren. Wenn beide Narren sind, kann man auch gleich tanzen!“ Diese Haltung der fröhlichen Narretei ist bis heute der Grundgedanke des Awa Odori.
Über die Jahrhunderte entwickelte sich die spontane Straßenparty weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Japan seine kulturelle Identität neu aufbauen wollte, sahen Unternehmer und Behördenvertreter in Tokushima im Fest eine Chance, die Stimmung zu heben und den Tourismus anzukurbeln. Sie gaben der Veranstaltung eine feste Form, stellten Regeln für die Tanzgruppen (ren) auf und machten sie landesweit bekannt. So wurde das Awa Odori zu Japans größtem und bekanntestem Tanzfest, das jedes Jahr mehr als eine Million Besucher anzieht.
Der Tanz: Ren, Rhythmus und Kostüme
Getanzt wird von Dutzenden organisierten Gruppen, den ren. Manche haben Hunderte Mitglieder und proben das ganze Jahr über, um Choreografie, Musik und Formationen zu perfektionieren. Jede ren hat ihren eigenen Stil, doch alle halten sich an zwei Grundformen des Tanzes.
- Otoko Odori: Der Männertanz ist kraftvoll und dynamisch. Die Tänzer tragen Happi-Jacken oder Yukata (öffnet in neuem Tab), bis zu den Knien hochgeschürzt, und halten oft Papierfächer (uchiwa) oder kleine Laternen (chochin). Sie gehen tief in die Hocke und bewegen sich energisch, manchmal akrobatisch. Der Tanz wirkt dabei ausgelassen und frei.
- Onna Odori: Der Frauentanz dagegen ist anmutig und präzise. In eleganten, einheitlichen Yukata, förmlichen Geta-Sandalen und den typischen halbmondförmigen Strohhüten, den amigasa, tanzen die Frauen aufrecht, mit verhaltenen, fließenden Bewegungen. Ihre Hände bewegen sich im Gleichklang, die Schritte sind exakt aufeinander abgestimmt, und so entsteht eine Welle aus Farbe und Form. Die amigasa sitzen so tief, dass sie den Tänzerinnen die Sicht nehmen; im perfekten Einklang zu tanzen verlangt deshalb großes Können.
Den Takt gibt das Narimono-Ensemble vor, meist eine Mischung traditioneller japanischer Instrumente (öffnet in neuem Tab): Shamisen (eine dreisaitige Laute), Kane (ein Gong), Shinobue (eine Querflöte) und die kräftigen Schläge der Shime-Daiko- und O-Daiko-Trommeln. Der einfache, ansteckende Rhythmus „chan-ka, chan-ka“ ist das Grundmuster des Fests und so allgegenwärtig, dass er aus dem Kopfsteinpflaster selbst zu kommen scheint.
Essen, Schauen und Mitmachen
Das Awa Odori spricht alle Sinne an. Die Straßen von Tokushima säumen lange Reihen von Essensständen (yatai) mit Festklassikern wie Yakitori (gegrillte Hähnchenspieße) und Takoyaki (Oktopusbällchen). Probieren sollte man auch die Spezialitäten aus Tokushima, vor allem alles mit Sudachi (öffnet in neuem Tab), einer kleinen grünen Zitrusfrucht, die vom gegrillten Fisch bis zum kalten Getränk für frische Säure sorgt.
Tagsüber gibt es kleinere Auftritte, ihren Höhepunkt erreicht das Fest aber mit Einbruch der Dämmerung. Dann werden die Hauptstraßen für den Verkehr gesperrt und zu großen Tanzstrecken, den enbujo. Es gibt kostenlose und kostenpflichtige Zuschauerbereiche. Die bezahlten Tribünen (sajiki seki) haben ansteigende Sitzreihen und die beste Sicht auf die berühmtesten ren. Das chaotische Treiben spürt man aber oft am stärksten in den freien Bereichen, mitten in der jubelnden Menge.
Wer selbst beim „Tanz der Narren“ mitmachen möchte, hat dazu Gelegenheit. Mehrere Niwaka Ren sind eigens für spontane Teilnehmende organisiert. Jeder kann, unabhängig vom Können, die Grundschritte lernen und ein, zwei Blocks im Umzug mittanzen, Das entspricht dem Motto „odoranya son son!“
Über Japan hinaus: Awa Odori in Asien
Tokushima bleibt die Heimat des Awa Odori, doch der Tanz ist längst weit darüber hinaus bekannt. Mit seiner Energie und seinem klaren kulturellen Profil ist er ein beliebter Vertreter der japanischen Kultur. Tanzgruppen werden häufig zu internationalen Festivals und Kulturaustauschveranstaltungen in aller Welt eingeladen.
In Asien stößt das auf großes Interesse. In Taiwan etwa sind Auftritte des Awa Odori dank der engen kulturellen Bindung an Japan ein Höhepunkt von Kulturfestivals rund um Japan. Getanzt wird dort von japanischen ren auf Gastspielreise und von Gruppen, die sich vor Ort gegründet haben, und so lernt eine neue Generation den Tanz kennen. Auch Städte wie Kuala Lumpur und Singapur haben Awa-Odori-Gruppen im Rahmen größerer japanischer Kulturausstellungen empfangen, wo Kostüme und Tanz das Publikum begeistern.
Oft sind diese Auftritte zugleich Mitmach-Workshops, in denen Einheimische die Grundschritte lernen, den Rhythmus spüren und die „Freude der Narren“ teilen. So bleibt das Awa Odori eine Kunstform, die sich weiterentwickelt und neue Orte findet. Die Awa Odori Association (öffnet in neuem Tab) unterstützt diese internationalen Freundschaftstourneen häufig.
Den Besuch planen
Eine Reise nach Tokushima will gut vorbereitet sein. Das Fest findet jedes Jahr vom 12. bis 15. August statt.
- Unterkunft: Hotels in und um Tokushima werden Monate, manchmal sogar ein Jahr im Voraus gebucht. Früh zu planen ist daher wichtig. Viele Gäste übernachten in Nachbarstädten wie Okayama (öffnet in neuem Tab) oder Takamatsu (öffnet in neuem Tab) und pendeln mit dem Zug.
- Zuschauen: Wer früh kommt, sichert sich einen guten Platz in den kostenlosen Bereichen. Tickets für die Haupttribünen gibt es vorab online, meist ab Juni.
- Tipps: Bequeme Schuhe, genug zu trinken und Geduld für große Menschenmengen.
Vor allem sollte man die Hemmungen ablegen und sich dem Rhythmus hingeben, am Straßenrand genauso wie in einer Niwaka Ren.
Fazit
Das Awa Odori ist Japans größte Tanzparty und verbindet die Menschen mit einer 400 Jahre alten Geschichte. Es feiert die Gemeinschaft.
Das Fest erinnert daran, dass es klug sein kann, sich einen Moment lang albern und ungehemmt dem Tanz zu überlassen.
Feiertage rund um das Festival
Japan: gesetzliche Feiertage und Bankfeiertage von 3 Tagen vor bis 3 Tage nach den voraussichtlichen Terminen ().
- Mountain Day山の日In 10 Monaten
Ausgaben
- 2027Voraussichtlich im August 2027 · noch nicht bekannt gegebenVoraussichtlich
- 2026Vorbei
- 2025Vorbei










